Wenn Selbstversuche zum Scheitern verurteilt sind

Diese Woche erscheinen die Montags-Gedanken mit einer gehörigen Verspätung. Aber die entsprechende Sendung lief am Sonntag Abend und erst am Wochenbeginn zeichnete sich für mich die Dimension ab, die dieses Thema einnimmt.

Doch der Reihe nach: Seit einigen Wochen läuft die Diskussion über ein Burka-Verbot und Burkinis aus den Schwimmbädern zu verbannen. Was nun einige Redaktionen auf die Idee brachte, ihre weiblichen Mitarbeiter in eine Burka oder einen Burkini zu stecken und über ihre Eindrücke zur Vermeidung eines eventuellen Sommerlochs zu berichten. Denn mehr als einen Eindruck kann man wohl an einem Tag in einem Kleidungsstück nicht gewinnen. Am Sonntag Abend lief auf ProSieben in der Sendung „Galileo“ der Selbstversuch einer Reporterin. Sie war 24 Stunden in einem schwarzen Niqab  (Komplett schwarze Kleidung mit nur einem Sehschlitz) gekleidet.

Dazu kann ich nur sagen:

Wenn eine Katze in einem Fischgeschäft Junge bekommt, bleiben es dennoch Katzen.

Und so sehe ich es auch bei den hilflosen Selbstversuchen weiblicher Journalistinnen verschiedener Medien. Eine wahre Flut von Selbstversuchen im Niqab oder Burkini schwappt gerade über uns hinweg. Die Zeit (25.08.) hat ihre Reporterin im Burkini zum Schwimmen geschickt. Ähnliche Erfahrungen gibt es auch auf stern.de zu lesen. Die Welt kompakt (29.08.) titelte damit und verbannte den Selbstversuch dann auf die letzte Seite. Einige Medien überschlagen sich zurzeit mit Selbstversuchen ihrer weiblichen Mitarbeiter und stecken diese in schwarze Schleier oder Burkinis und die (westlich geprägten) Frauen berichten über ihre Gefühle in dieser Kleidung. Dies ist Kinderfasching, hat nichts mit einer ernst gemeinten Recherche zu tun. Weit entfernt davon. Wenn man wissen will, warum sich eine Frau komplett oder teilweise verhüllt und wie sie sich unter diesem Schleier fühlt, warum fragt man sie nicht? Ich empfinde es als weitere Herabsetzung von Frauen.

Kann man Frauen nicht fragen, wenn man etwas wissen will? So wie es das Jetzt-Magazin (20.08.) der Süddeutschen getan hat: Sie haben eine 26-jährige Niqab-Trägerin befragt: Jetzt.de

Ich denke auch nicht, dass man innerhalb von wenigen Stunden verstehen kann, wieso sich eine Frau verschleiert, wenn sie das Haus verlässt. Wir westlichen Frauen gehen tagein, tagaus in die Öffentlichkeit, ohne auch nur darüber nachzudenken. Dies ist unser Leben, unsere Anschauung und unsere Welt. Wie können wir es wagen, zu behaupten, wir verstünden islamische Frauen, wenn wir uns einen bodenlangen Niqab oder einen Schleier anziehen? Was wissen wir über die Lebensweise, die Lebensumstände, die Tradition und die religiösen Gefühle der Frauen? Die Frauen sind in diesen Lebensumständen groß geworden, sind mit diesen Wertevorstellungen aufgewachsen. Sie sind in die jeweilige Form ihrer Verschleierung, die in ihrer Familie üblich war, hineingewachsen. Wer sind wir, dass wir ihre Wertvorstellungen mit diesen hilflosen Selbstversuchen hinterfragen? Anstatt sie direkt anzusprechen und zu offen zu fragen. Deshalb ein ganz kleines Nein von mir zu den Selbstversuchen in islamischer Kleidung.

Vor einigen Jahren war ich in Jordanien und für den Besuch einer Moschee musste einen mantelartigen Schleier in Schwarz anziehen. Fühlte ich mich deswegen als Einheimische? Nein, ich war nach wie vor die Journalistin aus Deutschland, die neugierig auf das Land und seine Bewohner war. In Kuala Lumpur habe ich im Hotelpool Frauen im Burkini gesehen, die so fröhlich im Wasser plantschten, dass sich mein Bikini verabschiedet hätte, hätte ich da mit gemacht.

Damit ich hier nicht falsch verstanden werde, ich möchte hier weder in die Burka-Verbots-Diskussion einsteigen noch das Tragen eines Teil-/Ganz-Schleiers befürworten. Doch mit diesem Mummenschanz (fasnächtliches Treiben), Reporterinnen in Niqabs oder Burkinis zu stecken, ist in der Diskussion niemanden geholfen. Mir geht es um die Entscheidungsfreiheit von uns Frauen. Und schon wieder werden Entscheidungen über uns von Männern getroffen.

Hier zum Abschluss ein treffendes Zitat aus einer internationalen Presseschau, das Stern.de veröffentlicht hat, zum Thema Burkini-Verbot in Frankreich.

The Guardian (Großbritannien)  Das Recht der Frauen, sich so zu anzuziehen, wie sie es komfortabel und angebracht finden, sollte gegen all diejenigen verteidigt werden, die sie dazu zwingen wollen, sich entweder zu verhüllen oder auszuziehen. Die Körper der Frauen sind allein ihre Angelegenheit.“

Jetzt freue ich mich auf Euere Kommentare und Meinungen, denn dies ist ein heißes Thema.

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