07 Dez

Jahresendralley – ohne mich!

Jedes Jahr ist es das Gleiche: Jeder muss noch schnell ein paar Pressetermine vor dem 15. Dezember durchziehen. Freunde, die man das ganze Jahr nicht getroffen hat, wollen ein Wiedersehen unbedingt noch vor den Feiertagen. Also ob es im Januar danach kein Leben mehr gäbe. Jahresabschlussarbeiten stehen an, jede Agentur fragt ihre noch fehlenden Belege ab. Die Buchhaltung rotiert auf Hochtouren und fragt im Sekundentakt Quittungen und Rechnungen – und auch noch mit korrektem Mehrwertsteuerausweis – an. Statt staader Zeit ist Voll-Stress angesagt.  Eine Weihnachtsfeier jagt die Nächste – doch Halt. Hier habe ich dieses Jahr einen Schlussstrich gezogen. Punkt. Mehr als eine Weihnachtsfeier pro Woche gibt es nicht. Ich habe keine Lust mehr, von Feier zu Feier zu hetzen und der Sinn einer Weihnachtsfeier bleibt eigentlich vollkommen auf der Strecke. Es soll ein gemütliches Beisammensein sein, nicht die Schlacht am kalten Büffet und mit Glühwein bis zur roten Nasenspitze.

Vor vielen Jahren haben mein Mann und ich ein besonders Weihnachtsfest gefeiert, an das wir heute noch immer denken. Wir waren in Norden Louisianas unterwegs, fernab aller touristischen Routen. Für diese Nacht hatten wir ein “Bed&Breakfast” gebucht in einer Plantage gebucht, das ehemalige Sklavenunterkünfte als Zimmer hergerichtet hatte. Da es schon nach Thanksgiving war, war die Reisezeit vorbei und wir waren wir auf dem weitläufigen Plantage die einzigen Gäste. Um 17 Uhr verabschiedete sich die freundliche Dame von der Rezeption mit einem kurzen “everything ok?” und wir waren Musterseelen alleine auf der Plantage. Naja so ganz alleine waren wir nicht. Gegenüber unseres Cottages war eine Pferdekoppel und als Erstes verfüttern wir die Äpfel aus unserem Obstkorb, an die Pferde. Dann kam ein großer, heller Retriever auf uns zugelaufen, einfach zwischen den Pferden hindurch. Er sollte wohl die Farm bewachen. Klar, dass wir sofort den Kühlschrank plünderten, was es dort hundetaugliches gab. Nach den ersten Happen wurde der Hund immer zutraulicher und schließlich nannten wir ihn Rusty.

Die Abenddämmerung kam und wir zogen uns in unsere Cottage zurück. Kurze Zeit später brach ein Gewitter mit gehörigen Blitzen und Donnerschlägen über uns herein. Das Zimmer war taghell erleuchtet von den Blitzen, Fernseher und Stromversorgung hatten kurzzeitige Aussetzer und der Donner waren ohrenbetäubend. Wir waren im Zentrum eines richtigen Wintergewitters. Der Regen klatschte an die Scheiben und ich sah besorgt nach, ob diese auch dicht sin. Da sah ich ihn: Rusty lag direkt vor unserer Haustüre. Lang ausgestreckt und bewachte uns. Das Gewitter tobte noch einige Zeit und dann zog es so schnell wie es gekommen war, wieder ab.

Es wurde still in der menschenleeren Plantage. Todesstill. Und es wurde unheimlich. Die Äste der nahen Bäumen knacken und die hölzernen Wände unseres Cottages arbeiteten ebenfalls mit lautem Knarzen. Ein unheimliches Gefühlt machte sich breit. Damals in der Vor-Handyzeit war man diesem hilflos ausgeliefert. Die niedrige Decke der ehemaligen Slavenhütte kam uns immer tiefer vor. Der Fernseher fiel immer mal wieder aus und plötzlich saß man in einem dunklen Zimmer. Als das Licht wieder anging, sah ich nochmals zur Veranda hinaus und dort lag unverändert der treue Rusty quer vor unserer Tür. Kein Einbrecher käme je zu dieser Tür herein. So gingen wir beruhigt schlafen.

Am nächsten Morgen durchsuchten wir den Kühlschrank nach Essbarem – für den Hund. Rusty bekam Schinken und Spiegeleier als Dank für die Bewachung in der Nacht. Wir kauten auf ein paar trockenen Plätzchen herum. Nachdem Rusty Schinken und Eier verzehrt hatte, lief er weg. “So,” dachte ich, “das ist ja typisch Mann. Sich den Bauch voll hauen und dann abhauen.” Kaum hatte ich meinen Kaffee ausgetrunken, war Rusty wieder da. Aber dieses Mal nicht alleine, er hatte zwei Hündinnen mitgebracht. Nun saßen drei Hunde auf der Veranda und sechs hungrige Augen sahen uns an.

Bis auf die Kekse haben die Hunde alles bekommen, was wir zu Essen hatten und für sie verträglich war. Und obwohl es erst zu Beginn des Dezembers war, wird er mir dieser Abend mit den Tieren auf der menschenleeren Plantage immer als unser Weihnachten mit den Tieren in Erinnerung bleiben.

Raureif an den Bäumen im Dezember 2016 in München

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