Gedanken zu den Überflutungen

Mit großen Erschrecken sehe ich die Bilder im Fernsehen von den Überschwemmungen und sitze immer wieder fassungslos vor den Bildern. Kleine, 30 Zentimeter breite Bächleins werden zu reißenden Flüssen, die Autos, Bäume, Wiesen und Äcker mitnehmen. Die Gewalt des Wassers ist unvorstellbar. Wir wurden im Sommer 2006 überschwemmt. Wir wohnen hoch oben am Isarufer, weit weg vom Fluss. Es hat einfach nur geregnet. Geregnet, geschüttet wie aus Kübeln für etwas mehr als eine Stunde. Dann haben die Nachbarn geläutet und gesagt, die Tiefgarage läuft voll. Wir wollten noch in den Keller laufen, doch die Treppe in den Keller war schon hüfthoch voll. Die zweite Türe in die Tiefgarage hätte kein Mensch mehr aufbekommen und jeder, der in dieser Schleuse war, wäre vermutlich ertrunken.

Wir unterliesen den Versuch, über dessen Gefahr wir uns diesem Moment gar nicht so richtig klar waren. Deshalb kommt es auch immer wieder zu Ertrunkenen, weil man die Geschwindigkeit und die Wucht des Wassers einfach unterschätzt. Über die Haus-Eingangstüre liefen wir über das Grundstück zur PKW-Abfahrt der Tiefgarage und mein Mann schaffte es noch, seinen Wagen auszuparken. Für mein geliebtes Cabriolet war es zu spät. Die Feuerwehr kam und niemand durfte mehr die Tiefgarage betreten.

Aufräumarbeiten bis zum Umfallen

Bis spät in die Nacht pumpten die Feuerwehrleute die Tiefgarage und die damit verbundenen Keller aus. Alle Nachbar arbeiteten mit und gegen morgens gingen wir alle für ein paar Stunden schlafen. Am nächsten Morgen schien die Sonne und alles wirkte so friedlich. Es war unvorstellbar, welche Kräfte in der Nacht zuvor hier gewirkt hatten. Dann sahen wir die wirkliche Bescherung, Das Wasser war zwar weg, aber überall war dicker Schlamm und alles war damit überzogen. Man sah an den Kellerfenstern, dass das Wasser sie aufgedrückt hatte und als der Druck wieder nachließ, schlossen sich die Fenster. Nur wenige Scheiben gingen zu Bruch.

Im Keller konnte man den Weg der Flutmassen nachvollziehen. Vom Kellerfenster in zirka 1,80 Meter Höhe brach das Wasser rein und nahm alles aus den Regalen mit, was im Weg stand. Ein großer Container kam und es begann das Aufräumen. Ich habe letztens Bilder im Fernsehen gesehen, von einem älteren Mann in Braunsbach, Baden-Württemberg der sein Eingemachtes aus dem Schlamm klaubte und liebevoll die Dosen und Gläser abwusch. In seinem Dialekt sagte er fast trotzig: „Die kann man noch essen. Die sind auch nicht schmutziger als die aus dem Supermarkt.“  Um dies zu verstehen, muss man selbst innerhalb von wenigen Stunden alles Hab und Gut verloren haben.

Am Ende kommt der Trotz

Während die Aufräumarbeiten fortschreiten, hat man immer das Gefühl gegen Windmühlen anzukämpfen. Hinter jedem kleinen Fleck, den man endlich vom Schlamm bereit hat, tut sich ein erneutes Tal auf, dass voll mit Schlamm ist. Das Gemeine an diesem Schlamm ist, dass er sofort betonhart wird, sobald er trocknet. Also sind die ganzen Aufräumarbeiten auch noch unter Zeitdruck durchzuführen. Man hat Durst und das einzige Wasser zu trinken ist das Wasser aus dem Hahn in der Küche, weil im Keller alle Flaschen voll mit Schlamm sind. Und man sie eigentlich nicht mehr trinken sollte, denn der Schlamm fängt nicht nur an zu stinken, sondern es sind auch jede Menge Bakterien in diesem Schlamm. Nach fast eine Woche waren wir mit den Aufräumarbeiten fertig  – und jetzt wurde bei uns „nur“ der Keller und die Tiefgarage überflutet. Nicht das Wohnzimmer, nicht das Erdgeschoß unserer Wohnung. Wie viel härter trifft es da die Menschen in Simbach am Inn, deren Häuser bis zum ersten Stock überflutet wurden.

Was bleibt ist Trauer und Angst

Fast im Schockzustand räumt man auf, putzt und spült von Hand und befreit die letzten Habseligkeiten vom Schlamm. Doch irgendwann kommt der Moment, wo man an seine Grenzen kommt und beginnt, die verschlammten Sachen wegzuwerfen. Ganz gefährlich sind auch Elektrogeräte, die nass wurden, denn kein Mensch weiß, was passiert, wenn sie wieder an den Strom genommen werden. Hier war der dringende Rat der Feuerwehr, Elektrogeräte, also auch den kleinsten Handmixer oder Föhn ersatzlos wegzuwerfen. Und so erwischte es auch meine Eismaschine, die ich von Freunden zum Abschied bei meinem Umzug aus Italien bekommen habe. Damit ich mir in Deutschland auch immer ein leckeres Eis machen könne. Zwar wurde die Maschine nie viel benutzt, deswegen stand sie ja auch im Keller, aber es geht um den idellen Wert. Die Erinnerungen. Und die kann keine Versicherung ersetzen.

Was auch noch bleibt, ist lange Zeit, die Angst, wenn es wieder ein Gewitter gibt oder auch nur zu regnen anfängt. Ich habe fast fünf Jahre gebraucht, bis ich nicht mehr angsterfüllt am Fenster saß und in die Anlage blickte, wenn es wieder mal ein Gewitter gab. Auch heute, fast zehn Jahre nach der Überschwemmung sehe ich bei Gewittern immer noch einmal kurz in den Garten, ob dort schon das Wasser steht.

Ich wünsche den Menschen in den überfluteten Gebieten in Deutschland viel Kraft und Mut, sich von diesem Schicksalsschlag zu erholen. Seit Hab und Gut, sein ganzes Leben und seine Erinnerungen innerhalb von wenigen Stunden zu verlieren ist ein großer Schlag, den auch kein finanzieller Ausgleich wieder gut macht.

 

Titelbild:

Quelle: Pexels.com
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