12 Sep

Der teuere Preis des Billigen

Letzte Woche habe ich die Bilder der New York Fashion Show veröffentlicht und damit beginnt wieder das alljährliche Schaulaufen der großen Modeschauen. Am Wochenende – pünktlich zu meinem persönlichen Herbstbeginn – habe ich meinen Schrank ausgemistet. So stehe ich heute im Schlafzimmer vor einem Bündel Klamotten, das weg kann. Sage ich so einfach. Ohne groß nachzudenken.

Denn ich surfte am Wochenende im Netz und fand einen Bericht von ttt (Titel, Thesen, Temperamente, einer Sendung der ARD) vom 28.06.2015 über den damals aktuellen Film “The True Cost”. Der Film zeigt eindringlich die unverantwortliche Produktion von Kleidung in sogenannten Billig-Lohn-Ländern wie allen Bangladesh und Indien. Es geht jetzt nicht darum, uns jeglichen Konsum zu verderben und uns die Freude an schönen Stücken zu nehmen. Aber wir sollten auch nicht vor diesem Elend die Augen verschließen. Den Großteil der Schuld tragen die Chefetagen der Mode-Konzerne, die aus reiner Profitgier in Billig-Ländern produzieren lassen, um uns hier die Teile teuer zu verkaufen.

Vor gut 25 Jahren war ich in Bangkok und zu dieser Zeit begann gerade der Verkauf der sogenannten Imitate auf den Märkten in Bangkok. Die großen internationalen Luxuslabels lieferten ihre Stoffe nach Thailand, um dort billigst T-Shirts mit Bestickung schneidern zu lassen. Der Name des Labels wurde mit einem Faden in der selben Farbe wie das Shirt aufgestickt. War total in – damals. Ich habe noch heute eines der ersten Imitate, die von ausgesprochen guter Qualität waren. Einheimische haben uns erklärt, dass es die Originalstoffe der großen Labels sind, von denn man ein bisschen “abgezweigt” hat. Zu diesem Zeitpunkt wurden die T-Shirts in den Stores der großen Labels auf der Münchner Maximiliansstrasse für mehrere hundert (damals noch) Mark verkauft. Und das ist der Knackpunkt, den ich den großen Labels vorwerfe: T-Shirts, die für teueres Geld in Europa verkauft werden, in absoluten Billiglohnländern herstellen zu lassen.

Inzwischen hat sich die ganze Modebranche dahingehend geändert, dass viele Ketten billigst produzieren und den Markt hier in Deutschland mit ihrer Billigware überschwemmen. Müssen wir wirklich eine Jeans zum Preis von 9,99 Euro, jetzt sogar auf 7,99 Euro reduziert haben? Oder einen Pullover mit Blumenmotiv zum Preis von 9,99 Euro? (Aktuelles Angebot, gerade im Netz gefunden: Material:65% Polyester, 35% Baumwolle). Der Anbieter beschreibt den Pullover wie folgt:  Der Pullover kommt in Kombination mit einer Jeans besonders gut zur Geltung und zeigt sich sportlich und verträumt zugleich. Große Blumen in zarten Farben sind komplett auf den Stoff gedruckt. Darauf prangt der Schriftzug „We Accept The Love We Think We Deserve”.

Vor allem diesen Schriftzug mit dem Hinweis auf die Liebe, die wir verdienen, finde ich geschmacklos. Was soll sich eine Arbeiterin in Bangladesh mit 2 US-Dollar Tageslohn fühlen, wenn sie hundertmal an diesem Tag den Pullover mit diesem Aufdruck zusammen näht? Was hat sie verdient? Heute?

Ich weiß, wir können nicht die Welt ändern. Können wir nicht? Wir können auf solche Billigangebote, die wirklich nur unter schlimmsten Verhältnissen produziert werden konnten, verzichten. Lieber mal eine (etwas) teueres Teil, aber dafür weniger. Die meisten Klamotten werfen wir ja weg, nicht weil sie abgetragen sind, sondern weil sie aus der Mode sind, man die Farbe nicht mehr mag. Manchmal passen sie auch nicht mehr. Aber das ist dann ein anderes Problem.

Doch nach diesem Film überlege ich mir mein Kaufverhalten. Wieviel brauche ich wirklich? Als Beispiel nehme ich das Thema Jeans. Ich liebe Jeans und habe natürlich eine Lieblings-Jeans. Die ziehe sie jeden Tag beim Gassi-Gehen mit dem Hund an. Dann gibt es eine zweite Jeans, wenn die Erste mal in die Wäsche muss. Klar muss sein. Dann gibt es noch eine Jeans für – ich nenne das immer “besser angezogen sein”. Also wenn ich auf Termine gehe, kann ich schon in der Jeans kommen, aber vielleicht nicht gerade in der, auf der unzählige Hundepfoten sind. Klar noch eine Jeans für den Abends, die ist etwas modischer und hat kleine Glitzersteine auf den rückseitigen Taschen. Schon bin ich bei vier Jeans angekommen. Das wäre ja noch ok, wären da nicht die Stapel von Jeans in Weiß (drei Stück, weil Weiß im Sommer so schnell schmutzt), in Schwarz (schmutzt im Winter mit dem Salz auf der Straße), in Hellblau (musste sein, war ein Schnäppchen), in Tief-Dunkelblau (ein ähnliches Schnäppchen). Statt der tatsächlich nur notwendigen vier Jeans, mit den ich super über die Woche kommen würde, hängen also acht weitere Jeans in meinem Schrank. Genau das Doppelte, was eigentlich erforderlich wäre.

Nun sind wir ja nicht nur rational und hundertprozentig vernünftig, sondern auch Gefühlsmenschen, die sich durchaus das eine oder andere Teil unvernüftigerweise schon mal gönnen sollten. Weil eine schwere Projekt im Büro beendet wurde, weil einfach mal eine Belohnung angesagt ist. Und soll man uns auch nicht vermiesen und wir sollen uns an diesen Einkäufen auch guten Gewissens freuen können. Nur was nicht sein sollte, dass wir kopf- und hirnlos einfach vor uns hin konsumieren und billigst und noch billiger einkaufen, damit wir mehr einkaufen können. Das ist ja die Krux an der Sache: Je billiger die Teile sind, umso mehr können wir uns kaufen. Und umso mehr Umsatz und somit Gewinne machen die Konzerne. Ich glaube, hier habe ich den Ansatzpunkt: Viele Sachen werden nach schneller Überlegung gekauft, weil sie billig und ein Schnäppchen sind. Und hängen dann ungetragen im Schrank rum.

Vor einiger Zeit habe ich im Netz Kleiderkreisel gefunden. Eine tolle Idee, statt wegzuwerfen, kann man verkaufen, tauschen oder sogar verschenken. Leider funktioniert die Homepage noch nicht so, wie ich mir das vorstelle. Viele beklagen sich, dass sie keine Antworten bekommen. Im Moment kann ich Kleiderkreisel noch nicht empfehlen, aber ich finde die Idee toll. Vielleicht gibt es über kurz oder lang eine Kauf/Tausch/Schenk-Börse, die dann auch reibungslos funktioniert. Hauptsache, die meist noch sehr gut erhaltenen Klamotten landen nicht auf dem Müll.

Ich habe mir jetzt vorgenommen, nur noch mit Bedacht zu kaufen und mir vorher dem Kauf zu überlegen, ob das Teil wirklich brauche und ob es eine Chance hat, eines meiner Lieblingsstücke zu werden. Denn nur dann trage ich es auch ganz viel.

Ich wünsche Euch eine schöne Woche.
Euere Styleflüsterin

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